Gedanken

Interview mit Cindy Klink, Autorin von „Hören wird überbewertet“

6. August 2018

Ich hatte nicht nur das Vergnügen das Buch Hören wird überbewertet von Cindy Klink vorab lesen und rezensieren zu dürfen, sondern die Autorin selbst über den Hintergrund des Buches und Vieles mehr zu befragen. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal meinen Dank an Cindy Klink für den sehr netten Kontakt und die Antworten auf meine teils persönlichen Fragen aussprechen!

Fragen an Cindy Klink

Zuerst einmal möchte ich dir dafür danken, dass du deine Gedanken und Gefühle mit uns Lesern in deinem Buch teilst.
Wie kam es zu dem Entschluss, dies nicht nur mit deinen Videos und Tumblr Beiträgen zu tun, sondern auch in einem Buch?
In erster Linie wollte ich überhaupt kein Buch darüber verfassen, denn das Ganze ist einfach zu persönlich. Dann wurde aber das Verlag bzw. der Chef auf mich aufmerksam und hat mich gefragt, ob bei mir nicht das Interesse bestünde über meine Arbeit zu berichten in Form eines Buches, er würde sich über ein Manuskript freuen. Für mich war das eine einmalige Gelegenheit, solch ein Angebot zu bekommen und die wollte ich nicht wegschlagen, also sagte ich zu und schrieb das Buch. Da meine Videos mit Gefühlen verknüpft sind, war es für mich wichtig, das die Leser wissen, warum ich die Videos mache und was mein Ziel ist.

Dein Buch ist zwar mehr oder weniger autobiografisch, aber ohne zu tief in dein Leben einzugreifen, ein paar Situationen mal ausgenommen. War das bewusst von dir geplant, nicht zu detailliert zu werden und dich lieber auf die Gefühlsebene zu fokussieren?
Ja, das war bewusst. Vieles habe ich ausgelassen, weil ich mit meinem Buch niemanden schlecht machen wollte und es manche Situationen gibt, die keiner wissen muss. Über meine Vergewaltigung wollte ich nicht berichten, ebenso darüber wie ich mitten in der Straße niedergeschlagen wurde. Wenn ich aber nichts negatives aus meinem Leben berichte, dann wirkte es meiner Meinung nach unrealistisch. Kein Leben ist kunterbunt.
Für mich war es wichtiger, das man versteht wie es mir in solchen Situationen ergangen ist, als zu verstehen was dort genau passiert ist.

Du erzählst in Hören wird überbewertet, dass viele kein Verständnis für deine Situation zeigten. Egal ob die Kinder im Kindergarten oder dein zuständiger Mitarbeiter beim Arbeitsamt. Ich kann mir vorstellen, dass die meisten Kinder deine Situation einfach nicht verstehen konnten (und vermutlich die Eltern es versäumt haben darüber aufklärend zu sprechen), aber bei Erwachsenen vermute und hoffe ich, dass sie mehr Verständnis mitbringen. Hast du das Gefühl, dass es etwas besser und einfacher wird, je älter du bist?
Ich habe eines aus der ganzen Sache gelernt und zwar, das man von niemanden erwarten kann das derjenige auf einen achtet oder Verständnis zeigt. Die einen tun es, die andern lachen drüber, und dann gibt es noch welche die mich einfach meiden. Aber das ist okay, solange es mich persönlich nicht angreift. Besonders schlimm finde ich heute noch, dass ich als Hörgeschädigte oftmals als „dumm“ abgestempelt werde. Keine Ahnung, warum die meisten denken ich seie zurückgeblieben – es ist nicht lustig, sondern verletzend.

Für mich war Hören wird überbewertet ein sehr intensiver Einblick in das Leben eines Menschen mit Hörbehinderung. Da wir beide Frauen sind habe ich oft Vergleiche gezogen zwischen deiner Kindheit und meiner und mich gefragt, ob es bei mir genauso verlaufen wäre. Eine Antwort darauf habe ich nicht, aber ich kann mir gut vorstellen, das junge Menschen, die auch unter Hörverlust leiden, dein Buch als eine Art Stütze sehen. Siehst du das genauso? Hätte es dir geholfen, wenn du besonders in deiner Teenagerzeit, durch ein solches Buch gestärkt worden wärst?
Ja, definitiv! Aber man wird nicht auf das Leben vorbereitet, das müssen wir selber.

Die Musik war und ist für dich eine Methode, deine Gefühle zu verarbeiten, quasi als Selbsttherapie. Ist schon einmal einer der Musiker, die du in Gebärdensprache überetzt hast, auf dich zugekommen?
Ja, einige sogar! Kontra K, Joel Brandenstein, LEA, Böhse Onkelz usw., es tut gut zu wissen das selbst die Musiker meine Arbeit zu schätzen wissen und es toll finden.

In einem deiner Videos auf YouTube schilderst du, was anstehen würde, wenn dein Hörvermögen weiterhin schlechter werden würde und du trotz Hörgeräte dann nichts mehr hören würdest. Macht dir das Angst und wie sieht es heute mit deinem Hörvermögen aus?
Mein Hörvermögen lag bei 80 dB, heute bei 110/120 dB. Ich habe mich mittlerweile damit abgefunden das ich irgendwann nichts mehr hören kann, denn es bringt mir nichts mir den Kopf darüber zu zerbrechen. Die einzige Möglichkeit die mir in solch einer Situation noch bleibt ist mich operativ eingreifen zu lassen, spricht Cochlear Implantat.

Deine typischen Fragen von Hearies (Menschen mit normalem Hörvermögen) waren für mich belustigend und erschreckend zugleich. Ich kann kaum glauben, dass es wirklich so ignorante Menschen gibt. Verletzen dich solche Fragen heute immer noch oder nimmst du es eher mit Humor?
Es kommt auf die Situation an. Die Führerscheinfrage ist mittlerweile alltäglich geworden und muss meisten immer wieder darüber lachen, aber andererseits nervt es mich auch an. Das Hören hat beim Fahren ja keine Priorität, sondern das sehen.

Ich persönlich habe schon oft darüber nachgedacht, einen Kurs für Gebärdensprache zu besuchen. Hast du schon oft Hearies getroffen, die die Gebärdensprache beherrschen oder lernen?
Ich werde öfters von Menschen angeschrieben, die Gebärdensprache lernen wollen aber nicht wissen wie und wo und von Menschen die Gebärdensprache können, aber selbst ganz normal hören. Es freut mich immer wieder zu lesen wie groß das Interesse ist.

Als Blogger und auch durch meinen Job bin ich viel im Internet unterwegs. Immer wieder kommt mir dabei der Begriff „Barrierefreiheit“ unter. Wie ist das für dich? Hast du das Gefühl, dass gerade die digitale Welt es Gehörlosen besser ermöglicht nicht abgegrenzt zu werden?
Selbst in der Digitalen Welt gibt es eine Menge barrieren, aber sie ist der einzige Ort in dem sich Gehörlose austauschen können und der einzige Ort, in dem Gehörlose sich zusammen finden. Barrieren sind unter anderem in Streamingdiensten und Videos anzutreffen, die keine Untertitel ausstrahlen. So ist es unmöglich zu wissen was gerade geredet wird oder worum es in diesen Film geht.

Nachdem du in Hören wird überbewertet von gescheiterten und zuteil auch wirklich miesen Beziehungen berichtest interessiert es mich brennend, wie es aktuell bei dir aussieht. Ich hoffe du hast immer noch nicht mit der Männerwelt aufgegeben?!
Ich stand kurz davor aufzugeben, wirklich. Aber aufgeben gehört nicht zu den Dingen in denen ich sonderlich gut bin. Mittlerweile bin ich in festen Händen und ich kann mir keine bessere Person an meiner Seite wünschen als ihn.

Dein Buch bietet ja einen kleinen Ausblick, wie es mit deinem Leben weitergeht. Was hast du noch vor zu erreichen? Was sind die nächsten Schritte?
An erster Stelle steht zunächst meine Ausbildung an, die ich in Februar beenden werde und anschließend möchte ich mein Abitur nachholen, das fange ich bereits nach den Sommerferien an, denn ich habe vor zu studieren. Hinsichtlich meiner Arbeit in der Musik würde es mich freuen weitere Auftritte zu haben, und eventuell Anfragen von Musiker zu erhalten ob ich in Musikvideos oder Konzerte mitwirken würde.

 

Lust auf das Buch? Lies hier meine Rezension zu Hören wird überbewertet!

 

INFO ZUM BUCH

Autor: Cindy Klink
Verlag: Hirnkost
Erschienen: 01.08.2018
Seiten: 96
Link zum Buch

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