Rezensionen

Rezension „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara

3. Oktober 2019
Cover von Ein wenig Leben

Es ist schon ein paar Wochen, vielleicht sogar schon Monate her, dass ich Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara gelesen habe. Doch diese Zeit habe ich auch benötigt, um ein wenig Abstand zu dem Buch zu bekommen und mir klarzuwerden, wie meine Meinung dazu ist. Da das Buch eines von meinem tollen Rubbel-Poster der 99 Bücher, die man gelesen haben muss, wollte ich es unbedingt lesen. Wie mir das Hörbuch gefallen hat, erfahrt ihr in diesem Beitrag. 

Worum geht es in Ein wenig Leben?

Jude, Willem, JB und Malcolm lernen sich am College kennen. Während JB ein extrovertierter Künstler ist, Willem ein angehender Schauspieler, Malcolm eher ein ruhiger Architekt ist Jude ein wenig reservierter. Er gibt kaum etwas von seinem Leben vor dem College preis, oder gar, warum er körperlich stark unter wiederkehrenden Schmerzen leidet. Jude ist brilliant und entdeckt schon schnell das Talent in der Rechtswissenschaft und wird erfolgreich in seinem Beruf als Anwalt. So verschieden die Freunde doch sind, so hält ihre Freundschaft über Jahrzehnte an. 

Die Charaktere

Ein wenig Leben wird von mehreren Perspektiven erzählt. Anfangs überwiegen aus der Perspektive der vier Freunde Jude, Willem, JB und Malcolm, später überwiegend aus den Perspektiven von Jude und Willem. Die Charaktere sind fabelhaft gezeichnet und auch sehr individuell. Was mir sehr gut gefallen hat, ist die Diversität, die mit einer solchen Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit (so sollte es auch eigentlich sein) eingebaut wurde, dass sie mir nur deswegen so bewusst wurde, weil ich darauf ein großes Augenmerk lege. Das JB haitianischer Herkunft und schwul ist, wird zwar thematisiert, aber nicht auf eine bewertende Art, sondern einfach nur natürlich. 

Jude – tragischste Buch-Figur?

Judes Charakter sticht aber doch sehr hervor. Das liegt zum einen an seiner schlimmen Vergangenheit, die einem sehr im Gedächtnis bleibt, aber auch mit seinem täglichen Kampf weiterzuleben. Ihn quälen starke Schmerzen, er ist sehr in sich gekehrt, vorsichtig anderen gegenüber und muss seinen eigenen Weg finden, mit seiner Vergangenheit klarzukommen. Doch seine Entwicklung war auch am deutlichsten. Etwas schade fand ich, dass dadurch die anderen Charaktere, besonders Malcolm sehr unwichtig werden. 

Die Geschichte

Es ist wahnsinnig schwer, etwas über die Geschichte von diesem Buch zu sagen, obwohl es mit 2.024 Minuten (das sind etwa 34 Stunden!!!) und 960 Seiten nicht gerade ein kurzes Buch ist. Es passiert sehr viel, aber es wird sehr unaufgeregt erzählt. Die Freundschaft steht lange Zeit im Fokus. Irgendwann kippt die Geschichte ein wenig und besonders Jude und Willems besondere Verbindung wird thematisiert. Damit verbunden ist auch die Erzählung von Judes schrecklicher Vergangenheit, die Stück für Stück ans Licht kommt. 

Es fiel mir wirklich schwer, Judes Erzählung seiner Schicksalsschläge zuzuhören, da sie nicht so einfach zu verdauen waren. Ich habe sehr oft gedacht, dass es nach dem ersten schlimmen Erlebnis dann geschafft ist, und dann kommt noch etwas Schlimmes. Das zieht sich quasi bis Judes Collegezeit, weshalb ich auch verstehen kann, dass er mit niemandem darüber sprechen möchte. Er ist eine sehr gequälte Seele und ich kann kaum verstehen, dass er sich nicht das Leben genommen hat. Doch auf der anderen Seite steht dann das Licht, das Hanna Yanagihara toll eingefangen hat: Die Freundschaft und die Liebe. Denn Jude begegnet in seiner „Erwachsenenzeit“ so vielen tollen Menschen, die ihn bedingungslos lieben. Allen voran seine Freunde, doch auch noch weitere Bezugspersonen begegnen Jude, die ihn glücklich machen. Auch wenn Jude dies anfangs nicht akzeptieren kann, verständlich, da er bisher in seinem Leben so etwas nie kennengelernt hat. 

Doch eines kann man bei Ein wenig Leben definitiv nicht erwarten: Ein einfaches Leben. Denn die über Jahrzehnte andauernde Geschichte erzählt viele Facetten vom Leben, das Gute und das Schlechte. Auch hier tat mir Jude so oft so leid, denn ein Mensch, der bereits so schlimme Dinge durchmachen musste, der sollte doch nicht noch mehr Schicksalsschläge ertragen müssen. Ich musste sehr mit den Figuren mit leiden, was mich etwas überraschte, denn die Geschichte wird tatsächlich eher nüchtern beschrieben. Emotionen sind sehr viele da, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass das Drama sehr intensiv beschrieben wurde. Vielleicht macht es das für mich noch umso schwerer das alles zu verkraften. 

KLEINE SPOILER:

Zum Ende hin muss ich leider sagen, dass mir irgendwie die Hoffnung in dem Buch verloren gegangen ist. Zwischenzeitlich hab ich wirklich gedacht, dass es mal bergauf geht für Jude, nur um ihn dann mit dem nächsten noch tragischeren Schicksalsschlag wieder herunterzuwerfen. Schon nach der Geschichte mit Caleb, die für mich wirklich fast unerträglich, aber leider eben doch sehr realistisch war. Hier hatte ich wenigstens das Gefühl, dass Jude nun mal durch seine Vergangenheit sich genau zu solchen Menschen hingezogen fühlt, das kennt man ja auch von Frauen, die von ihrem Mann geschlagen wurden und direkt beim nächsten Partner dem gleichen Typ Mann in die Arme laufen.

Doch danach ging es erst einmal wieder besser für Jude. Er hat durch Willem die schwere Zeit überwinden können und sich schließlich auch geöffnet, was seine Vergangenheit betrifft. Doch warum dann das Ende? Ja, ich bin kein Fan von Happy Endings, besonders in einer Geschichte wie Ein wenig Leben, welche nicht bloß eine Momentaufnahme, sondern eher die Erzählung eines ganzen Lebens ist. Es hatte für mich den Anschein, als wollte man einem Menschen, dessen ganzes Leben überschattet von Leid und Qualen ist, nicht ein bisschen Frieden gönnen wollen. Das fand ich auf der einen Seite zwar Stringent aber auf der anderen auch absolut nicht befriedigend für mich als Leser.

Der Schreibstil

Anfangs hatte ich so meine Schwierigkeiten in das Buch hineinzukommen. Das liegt vermutlich schon an der Erzählart, wie Hanya Yanagihara die Geschichte aufbaut. Doch dranbleiben lohnt sich definitiv. Anfangs wird einem der Schrecken und das Leid, das einen erwartet noch gar nicht so bewusst. Nach und nach erfährt man, dass Jude leidet, doch nicht warum. Das hat Yanagihara sehr geschickt aufgebaut, denn schnell findet man eine Verbindung zu den Charakteren, was das Mitleid, das ich besonders für Jude empfand, sehr verstärkt hat.

Das Buch hat mich an vielen Stellen zu Tränen gerührt, aber auch an sehr vielen Stellen Tränen des Leides vergießen lassen. Warum ich mir so etwas angetan habe? Weil Ein wenig Leben mich auch sehr zum Nachdenken angeregt hat. Ich bin froh eine tolle Kindheit gehabt zu haben und sehe meine Eltern, Freunde und Menschen, die mich so lieben wie ich bin, in einem ganz anderen Licht. Denn den Wert, den Familie und Freunde in unserem Leben haben können, hat die Autorin mit diesem Buch absolut toll dargestellt.

Fazit

Ein wenig Leben ist ein sehr schwer zu verdauendes Buch mit viel Leid, Tragik aber auch Freude.

4 von 5 Punkte – BUCHTIPP
(Was soll das denn heißen? Schau dir dazu mein Bewertungsschema an)

Autor: P.C. und Kristin Cast
Verlag: YA!
Erschienen: 02.05.2019
Genre: Young Adult

Link zum Buch

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